"Lauter verlorene Männer", Frauenquote und Feminismus

Thursday, June 07, 2012

pferdtitte

Es geht um die Frauenquote. Ihr könnt also jetzt schon mal genervt das Browser-Fenster schließen und Euch etwas Kurzweiligerem widmen, oder Ihr lest einfach mal weiter, was in den letzten Tagen so passiert ist. Keine Angst, es wird nicht kompliziert und Günter Grass kommt auch vor.

Ich möchte kurz Bezug nehmen auf den Artikel Lauter verlorene Männer in der Frankfurter Allgemeinen Wirtschaft.

“Wie wild befördern die Konzerne Frauen. Auf der Strecke bleibt eine Männergeneration, doch flüchten ist keine Option.”

Damit wäre der Inhalt dieses Artikels im Groben auch schon abgegrast. Die Autorin, Bettina Weguny, scheint bei genauerer Studie des Textes eine “dieser” Frauen zu sein, die Feminismus und Gleichberechtigung aus egoistischen Gründen ablehnen (dazu später mehr). Der Artikel stellt ein zähes und repetitives Wiederkäuen und Niederschreiben der Gesprächsfetzen mit karrierefrustrierten Männern dar. Nebenbei werden einige hetzerische Zitate mit Verweis auf Negativbeispiele aus Großkonzernen gereicht, welche die Frauenquote beschlossen haben und in denen es nun zu angeblichen “Negativkonsequenzen” für das männliche Geschlecht gekommen sein soll. In diesen Firmen herrscht aber ohnehin meist ein genickbeisserisches Karriere-Klima. Die Einführung der Frauenquote stellt nun den einfachsten Weg dar die Zukunftangst der männlichen Innehaber von Führungspositionen zu bündeln und auf ein falsches Ziel zu komprimieren – Gegen Frauenquote und gegen Gleichberechtigung.

“So schnell dreht der Wind. Galten bislang die Kriterien „weiblich, ledig, jung“ als Nachteil bei der Karriereplanung, ist nun das Gegenteil der Fall: Bewerberinnen haben erstmals in der Geschichte einen Gender-Bonus bei der Jobsuche. Ist es doch peinlich, wenn es keine Frau an der Spitze zu präsentieren gibt.”

So, so. Feminismus scheint, wenn man Frau Weguny glauben mag, kein Thema mehr für unsere Gesellschaft zu sein. Angeblich existiere sogar ein “Trend” – die Anstellung von Frauen in höheren Positionen. Frauen als Chef? Frauen mit gleichen Bildungschancen? Frauen mit den gleichen Gehältern? Journelle dazu:

“Das Ausgrenzen von 50% der Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt ist nicht gut, nicht für die Stimmung, nicht für die Wirtschaft und da wir in Deutschland immer sehr auf unsere Außenwirkung bedacht sind: es sieht auch von draußen ziemlich altbacken, piefig und muffig aus.”

Dass unsere Gesellschafts keinesfalls auch nur annähernd auf dem durch diesen Artikel propagierten Level der Gleichberechtigung angelangt ist, zeigt uns beispielsweise der aktuelle Gesetzentwurf von Kristina Schröder zur Einführung eines Betreuungsgeldes ab 2013, welches denjenigen “Eltern” zukommen soll, die keine öffentlichen Kindertagesbetreuungsangebote nutzen. Ein belächelnswerter Versuch einen plumpen familienpolitischen Fail zu umspielen. Betreuungsplätze schaffen Gleichberechtigung! Dazu schreibt Mädchenmannschaft:

“Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungs­platz ab dem 1. Geburtstag, der ab Oktober 2013 gilt, kann nach momentanem Stand nicht für jedes Kind, das einen Platz braucht, ein­gelöst werden. Statt­dessen sieht der Gesetz­entwurf von Kristina Schröder bereits ab Januar 2013 die Zahlung von 100 Euro vor, wenn Eltern keinen Krippen­platz und keine vom Jugendamt bezahlte Tages­pflege in Anspruch nehmen. Ein klares familien­politisches Ver­sagen und keineswegs ein Beitrag zu mehr Wahl­freiheit, als der es gern ver­kauft wird. Eine familien­politische Not­wendigkeit für das Betreuungs­geld besteht also nicht. Familien im „Hartz IV“ Bezug wird das Betreuungs­geld keine finanzielle Anerkennung ihrer Betreuungs­leistung bringen, jedenfalls keine spürbare im Portemonnaie, denn das Betreuungs­geld wird in voller Höhe als Einkommen angerechnet.”

Weiter geht es mit dem Aufreger von Bettina Weguny in der FAZ:

“Seine Chefs seien alle Frauen, meldet Panten. Bei mancher fragt sich der 40-Jährige: Wie um alles in der Welt kam sie auf die Position?”

Weguny wählt ihre Beispiele gekonnt schlecht aus. Ein Interview mit einem “Mitarbeiter in höherer Position”, der aber lieber anonym bleiben möchte und sich über die Qualifikation und den Führungsstil seiner Chefinnen aufregt. Hand aufs Herz, wer tut das nicht? Ist das Geschlecht dabei nicht irgendwie zweitrangig? Und ich sage es zum wiederholten Mal – dieser Artikel instrumentalisiert bestehende geschlechtsneutrale Zukunftsängste, um Stimmung gegen die Frauenquote zu machen.

“Vorstände hören in Zielgesprächen mit jungen Männern immer häufiger den Heide-Simonis-Satz: „Und was wird aus mir?“ Gratifikationskrise nennen Mediziner das. „Resignation, Angst und Zynismus der Männer am Arbeitsplatz werden ein Riesenthema“, prophezeit Anette Wahl-Wachendorf, Chefin des Verbands der Betriebs- und Werksärzte.”

Irritierender als den eigentlichen Artikel finde ich allerdings die Tatsache, dass dieser von einer Frau stammt. Ein Phänomen, das ich häufig beobachte. Frauen sind oft die schärfsten Kritiker von Feminismus und Frauenquote. Happyschnitzel schreibt dazu in ihrem Blog:

“Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde – dass solche Artikel überhaupt geschrieben werden – oder dass sie dann meist von Frauen stammen. Männer bilden Karrierenetzwerke und helfen sich gegenseitig mit irgendwelchen Klüngeleien, aber die Frau bleibt der Frau eine Wölfin.”

Frauen, die sich bereits ohne Frauenquote oder ohne den durch Frau Weguny propargierten “Frauen-In-Führungspositionen-Offenheits-Trend” eine höhere berufliche Position erarbeitet haben, argumentieren häufig gegen eine Quote. Doch woran liegt das? Vielleicht fühlt man sich um die eigenen arbeitsintensiven Bemühungen und getätigten Investitionen betrogen und greift fäschlicherweise auf das Argument “Aber ich habe es doch auch geschafft mich hochzuarbeiten!” zurück. Man kann nichts gönnen, denn rein subjektiv fühlt sich das oft ungerecht und schmerzlich an. Dabei wird häufig außer Acht gelassen, welche Umstände dazu geführt haben, das besondere Privileg zu besitzen als Frau Karriere zu machen und sich überhaupt “hochzukämpfen” zu können.

Dass es auch anders und ohne Stöcke in Speichen zu werfen geht, zeigen die Speakerinnen bei Netzfeminismus, die sich auf einer Liste gegen frauenlose Panels organisieren.

Doch zurück zum eigentlichen Artikel:

“Öffentlich jammert kaum ein Mann. Keiner will in den Ruf kommen, Frauen ihre Rechte zu nehmen.”

Dieses rhetorische Mittel kennen wir seit der Israel-Kritik durch Günter Grass, der ein “Gedicht” mit dem populistischen Titel Was gesagt werden muss verfasste.

Was passiert, wenn man in einer Diskussion das “Grass-Argument” benutzt (Ich wünsche mir, dass dieser Begriff bald in Lehrbüchern populistisch platte Stilmittel umschreibt)? Der Urheber untergräbt die Diskussion inhaltlich, indem er sich über oder neben die Diskusson stellt, eine Art “unparteiische Beobachterrolle” einnimmt und behauptet, dass man über etwas nicht sprechen dürfte und dass die Diskussion aus diesem Grund nicht funktioniere. Der Urheber konstruiert ein Tabu und tätigt die Unterstellung es gäbe einen bestehenden gesellschaftlichen Konsens über eine Thematik und ein “Mundtotmachen” von Andersdenkenden. Dabei ist rein objektiv gesehen sowohl Gleichberechtigung als auch eine israelpositive Grundeinstellung in Deutschland leider in keinster Art und Weise Konsens. Die verdummten Lesern fühlen sich gleich angesprochen in ihrer Opfermentalität. “Man darf ja wohl nochmal was sagen dürfen!” und “Endlich sagt es mal jemand!”. Dass der ursprüngliche Inhalt der Aussage gegen Frauenquote und Gleichberechtigung grenzenlos dumm und falsch ist, interessiert an dieser Stelle den Leser oft nicht mehr.

Wer eine inhaltszentrierte und lösungsorientierte Diskussion führen möchte, sollte sich nicht der irrationalen Angst hingeben morgen in einer Welt aufzuwachen, in der es keine Arbeit mehr für das männliche Geschlecht gibt, denn Gleichberechtigung gilt für beide Geschlechter.

Fakt ist: Unser derzeitiges Beschäftigungsverhältnis in den Führungspositionen ist männerdurchsetzt und hat von der jahrelangen Unterdrückung der Frau profitiert. Das muss sich ändern!

Julia Schramm, Bloggerin und Mitglied der Piratenpartei, brachte in ihrem Blogartikel Feminismus und Piraten ein paar unfrustrierte und wahre Worte zur Notwendigkeit der Diskussion über Gleichberechtigung:

“Warum nenne ich mich Feministin? Ich habe mich lange gegen den Begriff gewehrt, weil ich nicht verstand, worum es dabei geht. Frauen sind doch rechtlich gleichgestellt. Die großen Kämpfe haben wir doch hinter uns! Wieso kriegen die Frauen den Arsch nicht hoch und nutzen ihre Vorteile? Männer sind doch auch oft Opfer von Frauen! Die Liste an Argumenten geht ewig weiter. Doch spätestens, als ich während meines Shitstorms wegen des Spackeriainterviews merkte, wie sexualisiert und frauenfeindlich viele der Aussagen waren (“Die soll putzen, nicht reden.” – “Die muss man mal ordentlich durchnehmen” – “Das passiert, wenn man Frauen wählen lässt” etc.), beschäftigte ich mich intensiver mit Feminismus.”

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