Text für meine demente Großmutter

Friday, November 16, 2012

Dieser Text ist für meine demente Großmutter, damit sie weiß wer sie ist.

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Großmutter, das war immer Batman für mich. Nicht Catwoman, sondern Batman. Die Frau, die von morgens bis abends wild gestikulierend und bis aufs Blut aufgeregt über die Nazis schwadronierte und auf ihrem knarzenden und knarrendem Dielenboden knackend hin- und herlief wie ein bis auf die Zähne bewaffneter Soldat mit grauem Herrenhaarschnitt, einer riesigen Hakennase – und Augen muss sie wohl damals auch gehabt haben. Niemand kann bis heute die Farbe ihrer Augen benennen. Sie ist auch egal. Aber sie waren bestimmt – sie waren immer schon da und sie waren immer hellwach und so ein Blitzen und analytisches Durchfräsen ging von ihnen aus. Nein, nein, diese Verbrechen dürften nicht noch einmal passieren! Wir müssen immer aufpassen. Und solange Großmutter lebt, wird es sowas nicht mehr geben wie den Hitler. Und die Deutschen. Denn Großmutter wusste das Geheimnis, dass es damals nicht der Hitler war, sondern dass es die Deutschen waren und es damals und heute nicht zu trennen galt. Der Batman der Demokratie eben. Aber was ist, wenn sie mal stirbt?

Komisch. Meine Erinnerungen an die vielen Dinge, die sie sagte sind sehr detailgetreu und messerscharf, aber ich kann nicht sagen, ob sie all die Jahre in ihrem Haus, in der Wohnung, in der kleinen puppig eingerichteten Küche Schuhe trug oder eben nicht. Das macht auch keinen Unterschied, denn auch ohne Schuhe hätte ihre Erscheinung, ihr knüppelharter Körper, der schmale Stahlleib auf dem Dielenboden bestimmt ebenso hölzern geklungen wie er es auch mit Absatzschuhen getan hätte. Großmutter war unzerstörbar. Und ist es bis heute. Trotz ihrer Demenz. Oder vielleicht gerade deswegen.

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Wenn man bei Großmutter schlief und morgens in der Früh durch die dicken verstaubten Gardinen neben dem Schminktisch aus Ebenholz mit den Elfenbeinpuderdosen schaute, konnte man direkt auf den benachbarten Schlachthof sehen. Metzgerei Hammer. Unser Fleischer. Hier wurde immerzu geschlachtet und der ganze Schrott dann fünfzig Meter weiter in der Filale der Metzgerei in der Fußgängerzone an die Familien und tratschenden Witwen der kleinen Stadt verkauft. Statt Kilo gab es Pfund und irgendwann kam dann BSE und alle kauften nur noch Schwein. Aber auch nur ein paar Jahre. Wir aßen manchmal Rind. Großmutter hatte eben Superheldenmut. Und Schweinehackfleisch schmeckte auch nicht so gut. Schweine wurden mittels eines Stahlgitters in das gekachelte Gebäude eingefercht. Ansonsten war unser Haus toll. Das zweitälteste Haus in Hachenburg, dem kleinen Ort in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Angeblich sollte es dort spuken. Nicht in Hachenburg. Aber in unserem Haus. Wir fanden Knochen in einem verschütteten Brunnen im Keller. Manchmal, ein Mal die Woche, kam der Abdecker und holte die Abfälle des Schlachthofs ab. Oft zur Mittagszeit, wenn Großmutter, die unter der Woche für uns kochte, gerade am Mittagstisch Sauerampfersupper oder Scheppklöße servierte. Kreppelchen oder Dergutekuchen. Dann musste eines von uns Kindern schnell aufstehen und die Balkontür schließen. Die vielen Fliegen kamen sehr rasch. Magisch vom Geruch des verwesenden Fleisches angezogen und aufgegeilt wie nach einem animierten Fetischporno. Draußen kippte der Abdecker – kaum zwanzig Meter von unserer heilen Tafel entfernt – die Tierreste, die Felle und Knochen und all den übel riechenden Schrott, der schon seit Tagen in dicken Plastiktonnen vor sich hinrottetet in einen riesigen Sammelbehälter für Tiermasse, der dann ein mir unbekanntes Ziel ansteuerte. Vielleicht die Haribo Werk in Bonn? Wir aßen die kleinen Klößchen in unserer Suppe. “Und, was habt ihr als Hausaufgaben aufbekommen?”

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Wenn Großmutter kochte, dann gab es kein attraktives Gemüse. Das Gemüse war hart, fettig und vom restlichen Essen sowohl räumlich als auch emotional abgetrennt. Möglichst wenig ansprechend für Kinder. Beilagen. Beilagen. Beilagen. Erbsen. Möhren. Oder mal was besonderes, wie zum Beispiel Erbsen und Möhren gemischt. Blumenkohl einfach dabei. Mich gruselt es noch heute vor Menschen, die für Blumenkohl Geld ausgeben. Brokkoli. Immer dabei. Niemals Salat. Salat, dieses Konzept war unserer Familie nicht bekannt. Erst Jahre später schaffte es Mutter erfolgreich Gemüse in Gerichte zu integrieren und dieses somit für uns essbar zu gestalten. Großmutter wird bald sterben und das so nicht kennen. In ihrer Erinnerung, im Portfolio ihres Lebens, in ihrer Erinnerungskartei, die da irgendwo liegen muss, auf die sie aber keinen Zugriff mehr hat, wird irgendwo eine Karte liegen auf der steht, dass sie ihr ganzes Leben Gemüse nur als Beilage gekannt hat. Als Beilage. Aus der Dose. Und zu Fleisch. Immer Kartoffeln. Wir aßen immer nur Kartoffeln. Oder Nudeln. Pasta kannten wir schlichtweg nicht und bei uns hieß Lasagne auch immer nur “Nudelauflauf” und auf alles kam Ei. Ei auf dem Nudelauflauf. Und Pizza mochten wir bei Oma gerne. Die “Pizza” bestand aus einem drei Zentimeter dicken Backpulverteigboden, Cervelatwurst, Gouda und Ei. Ei über alles. Oma hasste den Führer, aber sie liebte Ei. Im Nudelauflauf waren immer dicke Schinkenwürfel.

An Geburtstagen gab es für uns Kinder immer köstlichen selbstgebackenen Frankfurter Kranz statt den Gutenkuchen, den es an Wochenenden sonst immer gab, wenn uns mein Onkel aus der großen Stadt besuchte. Ihr Sohn. Der langhaarige Mann mit dem großen Auto, der immer so gerne mit uns Kindern spielte und im Phantasialand auf den Achterbahnen kreischte wie eine Grundschülerin. Der Gutekuchen hieß Gutekuchen, weil ich ihn liebte und mangels Sprachkenntnissen als kleines Kind so betitelte. Familien entwickeln ihre eigenen Vokabeln. Wir hatten eine Familie. Der Gutekuchen war Sandkuchen. Bei uns war es eben der Gutekuchen. Wir sind die Familie Hitzel. Wir haben Wörter für unsere Zusammengehörigkeit. Der Krokant des Frankfurter Kranzes schmolz an den Kinderzähnen förmlich nur so dahin. Eine Explosion der Liebe. Und der Zuneigung. Diese Großmutter musste uns sehr lieben. Wie sorgsam sie sie Zutaten mit ihrer alten Wandwaage abwog, die Butter auf dem Herd schmolz, das Mehl siebte. Die Buttercreme war zart wie die Handtücher nie waren, die Mutter immer ohne Feinwaschmittel wusch. Unsere Handtücher waren immer rauh und hart. Ich bin aufgewachsen ohne den Segen eines weichen Handtuchs.

An Weihnachten haben wir Plätzchen gebacken. Spritzgebäck. Makronen. An Ostern färbten wir Eier bei Großmutter. Wir durften nachher die Schalen der bunten Objekte mit einer dicken Speckschwarte einreiben bis sie magisch glänzten. Speck. Wie das roch! Großmutters Kühlschrank war mir als Kind wenig unheimlich. Alle müssen so kochten, dachte ich. Mit echten Markklößchen mit Knochenmark, mit Speck. Alles wurde in kiloweise Butter angebraten bis es buttrig, fast schon durchsichtig glänzte und fettig von der Gabel glitschte. Gewürzt wurde ausschließlich mit Salz. Samstags gab es immer Braten. Und Klöße. Oder gutes Fleisch. Fettige Brocken. An Weihnachten aß Großmutter hemmungslos den Bürzel der Gans mit.

Oma hatte immer die neuste Ausgabe der Zeitung die ZEIT auf dem Wohnzimmertisch liegen. Aus dieser schnitt sie einzelne Artikel aus. Ich weiß bis heute nicht wo diese Artikel geblieben sind. Vielleicht hat sie sie einfach heruntergschluckt. Für mich war Großmutter die intelligenteste Frau der Welt. Niemand war wie sie.

Im Bett, wenn wir bei Großmutter schliefen, radelten wir morgens nach dem Aufstehen immer mit den Beinen in der Luft. Um gesund zu bleiben. Fünf Minuten. Dann hat uns Großmutter mit ihrer mächtigen Stimme aus Grimms Märchen oder Andersens Märchen vorgelesen und ist dann runter in die kleine warme Küche stolziert um sich dampfenden Mokka, und uns Kakao mit viel Haut zuzubereiten. Es gab Bröckelchen. Stücke von alten Brötchen in Butter knusprig angebraten und gepfeffert. Die Sendung mit der Maus auf dem viel zu lauten Fernsehgerät guckend, und am runden Wohnzimmertisch mit der Spitzendecke sitzend, habe ich dann Kakao getrunken und mich unendlich gefühlt. Warmer Kakao mit Haut. Und meine Bröckelchen gegessen. Und sonntags gab es immer Kaisersemmeln mit ziemlich dick Butter und Bierschinken und dieser Wurst, die ich als Kind so liebte und über die mir mein drei Jahre älterer Bruder in einem gehässigen Moment verriet “Das ist Zungenwurst!”.

Kopfball. Und der Presseclub. Wenn der Presseclub lief und Großmutter dann interessiert war und zuhören wollte, konnte ich das meistens nicht mehr. Die Sendung mit der Maus hatte mich aufgepeitscht und überstrapaziert. Ich wollte lieber mit den Ritterfiguren im Treppenhaus spielen, oder Kugelblitz, Maumau oder Mühle. Man gönnt seinen Großeltern als Kind nichts. Einen Großvater hatte ich nie. Beide tot. Aber ich habe sie niemals vermisst, denn Großmutter war Mann und Frau und Großmutter war immer genug und war alles für mich.

Wenn ich heute meine Großmutter besuche, dann ist sie immer kleiner. Sie ist geschrumpft. Ständig macht sie sich Kaffee. Sie hat vergessen, dass sie schon einen getrunken hat. Gekrümmter Rücken. Bis zum Boden und noch tiefer. Und so würdevoll wie sie mir vor zwei Jahren bei einem Besuch eine Zwiebel wie einen Apfel geschält und hingereicht hat, hat es noch niemand getan. Im Haus gibt es keine Musik mehr und keinen Fernseher. Nur Stille. Informationen dringen nicht mehr durch. Draußen könnte Krieg sein oder auch nicht, es würde nichts ändern. Wir sind ihr Batman geworden. Sie kennt meinen Namen. Wie ein verkrampftes Reptil sitzt sie in ihrem Samtsessel. Starrt bloß aus dem Fenster. Was in ihr drin ist, weiß niemand und das weiß noch nicht mal sie selber. Wenn ich sie frage, dann hat sie es schon vergessen und antwortet “Mir gehts gut. Ich bin zufrieden.” und starrt wieder aus dem Fenster und wartet auf den Sommer oder auf den Schnee.

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