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Barbara Scheel, Anne Will und Rassismus bei den Piraten

Gestern Abend gab sich die Frau des Ex-Bundespräsidenten Walter Scheel ‘die Ehre’ und trat als Gast in der Anne Will Sendung auf. Sparen wir uns nun das Vorgeplänkel einer bis dahin recht ereignislosen Sendungen und beginnen mit unserer Kritik dort, wo die Kritik leider fehlte.


Die Sendung ist hier in der ARD Mediathek nachzusehen.


Scheel betäuert im Rahmen der Sendung das Verständnis für ihre pflegebedürftige Mutter und den Wunsch sich nicht von “dunkelhäutigem Pflegepersonal” waschen zu lassen. Für mich geht die Enttäuschung in rassistischen Momenten immer von zwei Seiten aus und ich kann mich nicht festlegen, welche Seite mich wütender/trauriger oder auf Dauer misanthropischer macht.


A) Der Urheber einer rassistischen Äußerung B) Die Reaktionen auf diese rassistische Äußerung


Gerade in den Reaktionen kann man den Stand einer Gesellschaft ablesen. Weggucker, Dulder, Egaler. Sind wir derart auf Frieden gepeitscht, dass wir selbst den offenkundigen Rassismus in einer Sendung der öffentlich rechtlichen Sender akzeptieren? Und was war nochmal genau der Unterschied zwischen Toleranz, Akzeptanz, Verständnis und Zustimmung?


Der genaue Ablauf:


Scheel tätigt ihr zutiefst rassistische Äußerung. „In dem Pflegeheim, von dem ich rede, ist jeder zweite Pfleger ein Ausländer und spricht kaum Deutsch. Wir haben einen schwarzen Afrikaner, so wie ich ein weißer Europäer bin. Und wir haben 90-jährige Frauen, die sollen sich intim von so einem Menschen pflegen lassen. Die haben erst einmal einen Schock.“


Anne Will räumt ihr durch Nachfragen die Chance ein sich zu revidieren (Warum überhaupt diese Chance?). „Moment mal, haben Sie das gerade gesagt, dass es schwierig ist, wenn ein schwarzer Afrikaner jemanden pflegt?“ „Ja!“


Ich sitze etwas fassungslos vor dem Fernseher. Der einzige dem die alte Damen offensichtlich noch aufstößt ist Heufer-Umlauf. Der zurecht ein paar provokante Gegenfragen tätigt. Ansonsten ist die Runde ruhig und scheint zwar der Rechtfertigung der alten Dame nicht zu trauen, aber sagen möchte man auch nichts. Deutschland. Land des Friedens. Ist wirklich jede Meinung eine Meinung? Sollten wir nicht unseren Scheinfrieden in solchen Situationen opfern um ganz klar rauszustellen, dass Frau Scheel, die Frau unserer Ex-Bundespräsidenten, eine Rassistin ist?


Wo liegt das Geheimnis von Alltagsrassismus. Ist das außer dem Heufer-Umlauf und mir niemandem aufgefallen? Wieso besitzt die alte Damen scheinbar einen Freifahrtschein? Mir schießen multiple Erklärungen durch den Kopf. Respekt gegenüber Menschen, die den Krieg erlebt haben? Warum denn nochmal genau? Ich möchte, dass Frau Scheel ganz klar gesagt wird: “HALLO FRAU SCHEEL, IHRE RECHTFERTIGUNGEN SIND PEINLICH. SIE SIND RASSIST!”


Sind die Medien zu feige? Ich packe also mein Handy und suche nach Reaktionen auf die noch recht junge Sendung und bin doch etwas verwundert, als ich über diese direkte Antwort eines Mitgliedes der Piratenpartei gestolpert bin:


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Nun ja, wie geht man als ebenfalls noch recht junge Partei nun vor? Akzeptiert man diese Person als Mitglied oder verabschiedet man sich? Für mich steht fest, dass ich Schwierigkeiten habe eine Partei zu wählen, in der rassistische Äußerungen ohne Konsequenzen getätigt werden können, die sogar im gleichen Atemzug noch von vielen Mitgliedern relativiert werden. Da muss etwas passieren, damit ich Fan bleibe. “Ja, ja. blabla. Die Leute sind wütend auf dich (Kekspiratin), aber bitte nicht mit der gesamten Partei gleichsetzen.” Das dürfte so nicht sein. Man scheut sich vor Klartext. Ich aber möchte das. Wo finde ich mich also in Zukunft wieder?


Leider werden die wenigen kritischen Stimmen seitens der Piraten von einer Abgeordneten der Berliner Piratenpartei wieder relativiert. Das gefällt mir leider gar nicht. Ich wünsche mir eine offizielle Stellungnahme und eine einheitliche Einigung innerhalb der Partei, wie man mit Mitgliedern verfährt, die antidemokratisches und rassistisches Gedankengut publizieren.


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Zum Glück gibt es aber auch Piraten, die nun ein Parteiausschlussverfahren fordern. Bleibt auf eine zufriedenstellende Konsequenz zu hoffen.


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Das Medienecho am nächsten Tag kotzte nicht nicht minder an. Kaum jemand verliert mehr als zwei Sätze über den “Ausrutscher” (hier sind sich die Medien einig) der Gattin des Ex-Bundespräsidentin. Die Rede ist von “spontaner Äußerung”, “stellte Scheel schnell klar” und “unglückliche Aussage”. UNGLÜCKLICHE AUSSAGE! Rassismus ist keine unglückliche Aussage und auch keine “unglückliche Wortwahl”, sonderne eine reale Gefahr für unsere moderne Gesellschaft. Die “unglückliche Wortwahl” ist Rassismus. Und wir dürfen gerne darüber reden. Ich möchte mündige Menschen, die rassitische Aussagen sowohl durchschauen, als auch die Pfeiler der Bühnen wegtreten, auf denen diese getätigt werden. Ich bin unzufrieden und ich sehne mich nach Menschen, die auch einer Frau Scheel den Mittelfinger zeigen. Für mich gehört diese Frau in dieser Sendung bis auf die Knochen auseinandergepflückt.


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Published 29 Mar 2012