Textkrieg

Munition & Mädchenzöpfe

Die Illusion einer Überflussgesellschaft - Containern in Berlin

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Mal wieder irgendeine bescheuerte und völlig überbewertete Uhrzeit an einem beliebigen Wochentag im Frühling. Gerade warm genug um keine Blasenentzündung beim Outdoorpinkeln zu bekommen, aber immer noch zu kalt um betrunken gegen einen Zaun zu steuern und die Nacht im weichen Grasmassengrab der Exkremente französischer Bulldoggen zu verbringen.

Wir wollen containern.
* Wenn das Glück angeblich auf der Straße liegt, wieso hilft ihm dann keiner auf?* Überflussgesellschaft hier und da. Wir kaufen zu viel. Mutter sagt, schmeiß nichts weg. Wir denken zu wenig. Irgendwo zwischen den Mülltonnen muss das Glück liegen. Massenhaft fabelhafte und köstliche Lebensmittel, die Lebensmittelmärkte ungeachtet wegwerfen. Freude für diejenigen, die es sich sonst nicht leisten könnten. Obst, Vitamine, Nudeln, Milch. Ungekauft ablaufend, ungeliebt im Übermaß. Genießbarer Verfall. Wo genau beginnt das Zuviel einer Gesellschaft? Wo wird es entsorgt? Biosupermärkte so weit das Auge reicht. Die müssen doch viel wegwerfen, schließlich dürfen die in ihren Produkten keine Konservierungsmittel verwenden. Glied an Glied in der endlosen Dauerschleife von Menschen die viel zu viel Geld haben, dort wo andere Menschen zu wenig haben. Überproduktion. Regalaufhübscher. Füllmasse der Supermarktglotzereien.

Berlin Kreuzberg - 1:00 Uhr. Wir auf unseren Fahrrädern. neugierig und naiv. In der Hoffnung gleich den größten Fund unseres Lebens zu machen - im Müll. Rohen Fisch. In den 90er abgelaufenen Joghurt. Hartwurst. Stunden später sitzen wir etwas enttäuscht wieder daheim. Doch ist das nun eigentlich gut oder schlecht?

Doch von vorne: Im Containern Forum erfahre ich im Vorfeld allerhand Wissenswertes und allerhand unnützes Zeug. Jeder zweite Eintrag stammt von einem Journalisten oder Fernsehfuzzi, der die Mitglieder der Containergemeide dazu aufruft sich bei ihnen zu melden. Man möchte medientauglich begleiten, Fotos und Videos. "Findet für uns den Überfluß!" Containern, das hat inzwischen jeder Sender ausgeschlachtet. Wenn man den unzähligen Berichten glauben soll, dann liegt das Schlaraffenland in einem schwarzen Containern hinter jedem WALDI NORD. Wir wollen nicht wirklich containern, denn wir möchten den Menschen, die wirklich Hunger haben nichts wegnehmen. Wir möchten lediglich den Müll studieren um aus ihm abzulesen wohin wir uns bewegen.

Alle Container sind ausnahmslos verschlossen. Die Ernüchterung. Vielleicht hätte ich vorher nicht twittern sollen, dass ich gleich containern gehe? Den durch die Medien versprochenen Fresssegen finden wir nicht. Wir finden aber auch keine vergifteten Lebensmittel. Ob BRUTTO, Minus, AKNEKA, KÖNIGS oder wie der ganze andere Unsinn heißt, nichts. In Berlin liegt Müll und Lebensmittelglück nicht auf der Straße. Wir schließen unseren Überfluss weg. Selbst den überschüssigen Überfluss teilen wir nicht mehr. Man möchte nicht vorschnell urteilen. Vielleicht spenden inzwischen viele Supermärkte ihre abgelaufenen Lebensmittel an die Tafeln oder einen sonstigen guten Zweck. Bestimmt möchte man nicht, dass sich nachts dunkle Gestalten über Müllcontainern hermachen und wie die Ratten nachts um die Hausecken huschen, als wenn dies die sonstigen Produkte entwertet. Kontrollverlust. Dabei gibt es beim Containern wichtige Regeln zu beachten:

  • Nimm dir nur so viel, wie du auch tragen und essen kannst!

  • Räume den Platz nachher auf und verlasse ihn wie du ihn angetroffen hast!

Der Biomarkt besticht durch einen 80000000qm Innenhof mit Kameraüberwachung. BRUTTO scheint überhaupt keinen Müll zu produzieren. Hier gibt es weder Zugänge zu Innenhöfen, noch Tonnen oder sonstige Verschläge, in denen teure Müllschätze auf einen mutigen Entdecker warten.

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Schließlich finden wir doch Container. Ich reiße den Kram auf. Nur Hausmüll. Binden. Alte Pullover. Matschkarton. Vielleicht war jemand vor uns dort.

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Die Tipps der Container-Gemeinde bestätigen dies: Lieber Randgebiete. Lieber kleine Märkte (die sollen oft sogar so freundlich sein und im stillen Einverständnis ihre abgelaufenen Lebensmittel in einer Kiste auf die Mülltonnen stellen). Lieber Spätabends nach Ladenschluss.