Textkrieg

Munition & Mädchenzöpfe

Die späten 90er und das Millenium - eine Bestandsaufnahme

Schon die Donots sangen "What ever happend to the 80s?" und ich frage mich häufiger im Suff oder an Tagen wie diesem, an denen ich auf dem Zimmerboden sitze und auf Schnee warte, in welcher Zeit bin ich eigentlich aufgewachsen? Welches Fundament bot sich unserem pubertären Knetgummicharakter? Fußen unsere Ideale auf dem Tobi und das Bo oder auf dem Jojo-Trend? Oder hatte ich vielleicht sogar Glück in einer Zeit zu leben, in der es noch kein Internet für uns Landkinder gab und wir uns Zitate von Nietzsche und Songtexte von Bob Dylan an die Wand hingen, die wir gnadenlos falsch aus dem Englischen übersetzen und zu unserer Hymne machten? Im Grunde war es auch vollkommen egal was ein Tambourine ist, wenn man sich rebellisch fühlen wollte.

 

 

1999 war ein ziemlich übles Jahr für alle. Vielleicht seid Ihr zu jung oder zu alt, um diesem Jahr eine epische Bedeutung zuzumessen, aber mich traf das Millenium mit voller Wucht in einer Phase meiner Entwicklung, in der Drogen und Sex einen immer größeren Stellenwert einnahmen. Das Millenium stand vor der Tür. Wir wussten alle nicht, ob die Welt vielleicht untergehen und alle Computer in den Tod mitreißen würde, aber wir wussten eines: Wir wollten Geschlechtsverkehr und harte alkoholische Getränke, mit denen wir uns in Zweiergruppen vom Rest der Freunde absetzen. Wir führten tiefphilosophische Unterhaltungen mit unseren verrauchten Kratzstimmen, in denen wir uns Werte und unsere Ideale rund um Freundschaft, Liebe und Gesellschaft erarbeiteten und uns solange darauf einschworen, bis der erste keine Lust mehr hatte und sich so verhalten musste als ob er ziemlich betrunken war, damit den Jungs der Gruppe die Möglichkeit erleichtert wurde den ersten Schritt in Richtung Fummelverkehr zu unternehmen.

 

In so einer Zeit wuchsen wir auf.

 

Wie dieses Foto beweist, war ich zu diesem Zeitpunkt nur physisch ein Mädchen. Mein Jugendzimmer konnte mit jeder Kifferwohnung eines Neuköllner Ghettorappers konkurrieren. Ich hatte Angst vor nichts und niemandem. In der Folie meiner Busfahrkarte führte ich Haschisch mit und im Supermarkt aß ich direkt aus den Regalen. Meine Eltern verloren vollkommen die Kontrolle über mich und ich zog umher und terrorisierte Freunde, Freundeskreise und ganze Bildungseinrichtungen. Später machte ich mein Diplom in Sozialpädagogik.

 

Selbstgemachte Dreadlocks sehen nicht nur unmöglich aus, sondern riechen auch so. Meine Dreadlocks blieben exakt einen Monat, bis ich mich entschloss den Geheimtipp zu befolgen, der unter uns coolen Kids so exklusiv verbreitet wurde wie mobile Schlägervideos heute.

 

Dreadlocks lassen sich wieder öffnen, wenn man sie mit Weichspüler behandelt. Das ändert die Struktur und man konnte sich in tagelanger Kleinarbeit durch die Knoten kämpfen. Ich konnte wochenlang nicht schlafen, weil mein Kopf durch die Chemie wund wurde und schließlich verschorfte. Da kam es mir ganz recht, dass der Trend ohnehin zu übergroßen Wollmützen ging. Ich war eine der ersten.

 

 

Eine Bestandsaufnahme meines Schlafplatzes aus einem Urlaub mit meiner damaligen besten Freundin zeigt eigentlich alle essentiellen Dinge, die uns Jugendliche beschäftigt haben:

 

Eine Baby-G-Shock, ohne die man für die anderen Luft war. Ich habe meine Uhr angemalt. Das babyblaue Band fiel erst meinem roten und dann meinem schwarzen Edding zum Opfer. Irgendwie wollte ich dabei sein, aber irgendwie dachte ich, da müsse es noch mehr geben.

 

Fanta. Ich war immer ein Fantakind. Cola muss einem von klein auf erst mühsam beigebracht werden. Cola ist ein Lernprodukt. Das haben meine Eltern wohl versäumt und auch heute lasse ich meinen Hals lieber bei einer kalten Fanta verschleimen, als mich mit Cola zu betrinken.

 

Rote Haare. Jeder hatte mal rote Haare. Meine wurden aufgrund meiner Naturhaarfarbe knallorange und ich wurde so wütend, dass ich sie mir raspelkurz schnitt, weil ich dem brasilianischen Nationalspieler Ronaldo ähnlich sehen wollte. Im Nachhinein eine zweifelafte Entscheidung.

 

Bravo Boy Quartett. Was will man mehr? Eine handvoll Singleboys, die alle 4 Jahre älter waren und Namen wie "Marc" oder "Jamie" hatten. Alle blond und Surferfrisur. Hobbies irgendwo zwischen Fußball und Disko. Wir malten Hitlerbärte an die Kommerzspackos und wollten lieber richtige Typen mit Schlägereien-Portfolio und der Fähigkeit Tüten in unter einer Minute zu drehen.

 

Etnies Skaterschuhe. Ohne Worte.

 

Zwei Disneyhörspiele, König der Löwen und die Weihnachtsgeschichte, die wir damals im Urlaub, mit 13 oder 14, schon hörten, weil wir sie trashig fanden. 

 

 

Ich war die einzige Skaterin an der Halfpipe am Jugendzentrum unserer Stadt und ich habe mir die Titten mit Gaffatape weggeklebt oder zwei Badeanzüge unter meine Motivshirts aus dem lokalen Skaterstore angezogen. Vielleicht war ich damals schon Funktionalist genug um zu erkennen, dass mich Brüste nur störten und keinerlei praktische Funktion erfüllten. Aber Männer scheinen das früher wie heute zu mögen. Ästhetikbanausen!

 

 

Kajalstift war unsere Religion und in der gelben Posttasche transportiere ich meistens nur Luft. 

 

 

Mein Religionslehrer schenkte uns einen Schokoladennikolaus, der ausgepackt wie ein Schwanz aussah.

 

 

Kennt Ihr noch Boxerstiefel und Cordhosen?

 

 

Dickieshose und Volumenshampoo.

 

Es war eine merkwürdige Zeit, in der ich die orientierungsloseste Phase meines Lebens erlebte. Werte konnten nicht von der Stange gekauft werden, sondern mussten wachsen und ein festes verinnerlichtes System bilden. Die späten 90er und das Millenium waren eine Zeit, in der alte Trends wieder aufkamen, sich mit neuen Trends mischten, Bastardtrends entstanden und wir als junge Menschen zwischen Konsum und Konsumkritik hin- und hergeworfen wurden wie eine Frisbee. Ich bin irgendwann in der Mitte einfach heruntergefallen. 

 

Und wenn mich jemand "What ever happend to the Millenium?" fragt, dann zeige ich auf mich.