Textkrieg

Munition & Mädchenzöpfe

Erfolgreiche Frauen im Internet - keine Liebesgeschichte

Es gab mal eine Zeit, in der glaubte ich, dass mich persönlich die gesellschaftlichen Nachteile nicht treffen, die mir aufgrund meines biologischen Geschlechts in die Wiege gelegt wurden. Ich gestand zu diesem Zeitpunkt zwar jeder anderen Frau zu, durch die Gesellschaft in ihrer privaten und beruflichen Entfaltung benachteiligt zu werden, machte mich dennoch von dem Anspruch frei, das dies auch für mich selbst gelten könnte. Ich wurde sehr emanzipiert erzogen und bin meinen Eltern äußerst dankbar dafür, so sehr, dass mir bis heute das Gefühl durch mein Geschlecht schlechtere Chancen zu erfahren schlichtweg total absurd erschien. Zu hart war die Arbeit, die ich täglich in meine Karriere und meinen Job investierte, zu hoch der Intellekt und zu großartig meine charmante Persönlichkeit, um zuzulassen, dass dort noch Platz für Lehrbuchprobleme wie ‘Chancenungleichkeit’ und Anfeindungen aufgrund meines Geschlechts wäre, aber 2013 kann ich behaupten: Erfolgreiche Frauen im Netz - keine Liebesgeschichte.

Frauen mit Erfolg:

  • sind entweder dumm und ihr Erfolg ist nur ein Missverständnis
  • haben sich nach oben geschlafen
  • sind hässlich und tragen hässliche Kleidung
  • sind frustriert
  • sind bemüht

Auf Facebook kommentierte heute jemand names Katharina einen “Artikel”, den ich einige Tage zuvor für das INTRO Magazin über die Sommerspezialsendung von “Wetten, Dass..?” verfasst hatte. Dieser Artikel wurde wie gewohnt sehr stark zerrissen. Gleiches gilt auch für meine monatliche Kolumne, die immer auf der Liste der meistgeklicktesten Artikel auf intro.de zu finden ist. Darunter findet sch immer die gleiche Art von Kommentaren, außer dieser:

“das erste mal, dass ich echt traurig bin, dass ich wetten dass… nicht geschaut hab! gibt ja anscheinend ne menge zündstoff.”

Irgendwie erschrak ich beim Lesen selber, denn die Naivität der Kommentatorin rührte mich unerwartet. In diesem Moment wurde mir klar: Wenn der Zündstoff nicht mehr eine Sendung ist (wie es im Kommentar noch naiv geglaubt wird), sondern eine Person, dann

Vorweg möchte ich ein paar Worte zu Kommentaren in Blogs im allgemeinen verlieren, bevor ich auf den speziellen Fall erfolgreicher Frauen im Internet eingehe.

Das Problem mit Kritik im Netz ist ein allgemeines Problem und tritt unter den Artikel von Frauen und Mädchen, die sich publizistisch als Bloggerin oder Journalistin betätigen, nur besonders gehäuft auf, weil es einen zusätzlichen Motor neben dem Inhalt gibt. Die Weiblichkeit bietet eine weitere besonders offensichtliche Angriffsfläche, von der sich ein Großteil der Nutzer bewusst oder unbewusst motiviert fühlt anzugreifen. Doch Kommentare im Netz, und da möchte ich nicht noch einmal so weit ausholen, werden häufig genutzt um schlichtweg inhaltslose Kritik am Verfasser eines Textes anzubringen. Dazu fand sich im “Postillon” ein sehr schöner Artikel, der versuchte das Phänomen humoristisch auf die Schippe zu nehmen. Fakt ist, man muss mit Kritik leben, aber man kann selbst entscheiden wie viel Einfluss man diese auf sein Leben nehmen lässt. Dabei gibt es eine einfache Zeitkomponente und eine Komponente auf der Gefühlsebene. Wie viel Zeit möchte ich mit dem Lesen von Kommentaren verbringen? Wie viele Zeit rauben mir Beleidigungen und Anfeindungen, die keinerlei Mehrwert für mich haben? Wie setze ich meine verfügbare Zeit am besten ein, um möglichst viel Nutzen aus den Lesern und ihren Ideen zu ziehen? Die zweite Frage spielt sich auf der Gefühlsebene ab und betrifft die eigene Politik mit Kritik und Lob umzugehen. Wie viel der anderen lasse ich an mein Selbstwertgefühl ran? Wie grenze ich mich ab? Welche Kritiken sollten wirklich zu einer Korrektur meiner Fähigkeiten, Inhalte und meiner Person führen?

Aus diesem Grund wird es nun einige Änderungen meinerseits geben: Auf textkrieg.de wurden die Kommentare deaktiviert, mein Facebookprofil wird nur noch interessante Links und Eckdaten zu meinen Projekten öffentlich posten. Der Rest wird nur noch für meine Freunde und Freunde des Accounts online sichtbar sein. Das hat zum einen den Grund, dass es unter rund 500.000 Kommentaren auf den unterschiedlichsten Social Media Kanälen und in meinem Blog nur eine handvoll Kommentare und Kritiken zu meiner Arbeit gab, die für mich das Gütekriterium “inhaltskritisch” erreichten. Natürlich danke ich diesen Menschen für ihre Inspiration und ihre Vorschläge ebenso wie den vielen vielen positiven Kritikern, die mich täglich liken und gerne lesen.

Aber was genau war passiert?

Eine der vermutlich am häufigsten für mich benutzen Beschimpfungen neben “Schlampe”, scheint “Göre” zu sein. Ich habe mich intensiver mit diesen beiden Wörtern auseinandergesetzt und kann ihre Definitionen nicht auf das Selbstbild meiner Person aneignen. Gerne wird mir unterstellt “bemüht” zu sein. Immer wieder. Aber was bedeutet das? Wieso kommentiert jemand meine Arbeiten mit diesen Worten? Wieso assoziiert man mich damit? Bevor ich also anfing mich selber so wie die Kommentatoren wahrzunehmen, sammelte ich Eindrücke unter den Kolumnen anderer junger Journalistinnen und unter den Statusmeldungen, Blogbeiträgen und YouTube Videos junger Bloggerinnen und Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, und musste erschreckenderweise feststellen, dass sich die Kritik nie (Einzelfälle gabe es natürlich immer wieder) auf deren Inhalte und Texte bezogen, wie bei ihren männlichen Kollegen, sondern ausschliesslich auf ihre Person, ihre Karrieren oder ihr Aussehen. Daraus teilte ich die Kommentare in unterschiedliche Themenbereiche ein, deren Gedankenkonstrukt in den Köpfen der Menschen weit weiter verbreitet ist, als ich bisher annahm:

Frauen mit Erfolg:

  • sind entweder dumm und ihr Erfolg ist nur ein Missverständnis
  • haben sich nach oben geschlafen
  • sind hässlich und tragen hässliche Kleidung
  • sind frustriert
  • sind bemüht

Der Kommentator fühlt sich stets im recht, denn er glaubt einen Missstand aufgedeckt zu haben und handelt in seinen Beleidigungen in dem besten Wissen einen guten Beitrag zu leisten. Die anderen Herren und viele der Frauen geben ihm recht, denn ihnen fehlt die nötige Meta-Perspektive auf Chancenungleichheit, die man erst durch Diskussionskultur oder Erziehung erlernt haben muss. Hier liegt ein großes Versäumnis. Viele der Kritiker glauben fest an eine schicksalhafte Fügung und sehen nicht ihr eigenes Menschenbild dahinter, welches das Fundament für solche Annahmen bildet. Eine junge Frau im Internet mit Erfolg hat schlichtweg Glück gehabt, lautet die Meinung der besagten “Kritiker”, und der Frau werden im gleichen Zug alle Fähigkeiten und Bemühungen abgesprochen, diesen Erfolg mit eigenen Kräften erarbeitet zu haben. Man gerät schnell unter eine harsche Kritik, weil man jung ist. Und noch schlimmer: weil man weiblich ist. Der “Neid im Internet” ist derzeit männlich.

Ich möchte meine Zeit und Gefühle nicht mehr für Menschen opfern, die mich schlichtweg reduzieren. Menschen, die es nicht schaffen eine Kritik von ihrer persönlichen Befindlichkeitsebene zu abstrahieren, sind keine Gesprächspartner mehr für mich, denn sie hindern mich an meinen eigentlichen persönlichen Zielen und saugen nur Kraft und wertvolle Zeit, die ich lieber aufwenden würde, um mich in meinen Texten und Werken zu verbessern (aber nicht in meiner Weiblichkeit).

Schlampe? Göre? Diese Attribute, und die durch den vorwiegend männlichen Kommentator implizierten unlauteren Karrierewege (“hochschlafen”), die stets Frauen zugeschrieben werden, sind die moderene “Hexenjagd” im Netz. Was der Bauer nicht kennt das frisst er nicht. Vor dem Rechner sitzend wird dann gemutmaßt: “Ich bin doch genauso gut. Warum bin ich nicht bekannt? Weil die Blitzkrieg eine Frau ist!” Der einfachste Weg ist gefunden. Statt selbstkritischer Gedanken gibt es nun einen schnellen Schuldigen: Das System ist schuld, denn es bietet Schlupflöcher, so dass junge Menschen, ja sogar Frauen, schnell und talentlos Karriere machen können. Da entsteht Wut und da entsteht Hass, denn die Arbeit dahinter ist für die Leser unsichtbar. Mit dieser Mauer des Unwissens und des Unverständnisses haben Frauen Tag für Tag zu kämpfen. Auch wenn es um das schlichte Ignorieren geht, das auch einen nicht zu verachtenden Kraftaufwand einfordert. Verdrängen und positiv denken, während der Scheiterhaufen unter einem immer heisser und heisser wird, ist nicht immer leicht.

Ich möchte in diesem Blogbeitrag keinerlei Schuldzuweisungen treffen, sondern analytisch an die Sache herangehen und als Erkenntnis festhalten, dass die Gesellschaft noch sehr stark an starren Geschlechterrollen festhält, auch wenn sie sich dessen oft nicht bewusst ist. Ich verurteile niemanden, wenn er im Rahmen seiner Biographie bisher nicht die Möglichkeit hatte, ein offenes und geschlechtsneutrales Weltbild zu erfahren und dieses nicht nur in sein Denken, sondern auch in sein Handeln aufzunehmen, aber ich möchte dennoch nicht ständig mit den persönlichen Konsequenzen für mich als arbeitende Kreative und erfolgreiche Frau eingeschränkt und konfrontiert werden. Die Frustration solcher Kommentatoren muss ebenso hoch sein wie die meinige, denn sonst würden sie sich vermutlich kaum die Zeit nehmen ihr patriarchisches Rollenbild derart vehement zu verteidigen, dass ihnen Beleidigungen als Mittel recht sind und sie so viel Zeit auf ihre Kritiken aufwenden. Wer sich die Zeit nimmt Rechtschreibfehler einzeln aufzulisten und die Verfasserin dabei noch herablassend “Göre” nennt, dessen Rollenbild muss entweder gerade sehr stark am Schwanken sein, so dass es wenn es ein Mal ins Stolpern gerät, Gefahr läuft schon bald komplett in sich zusammenzukrachen, oder es ist eben so fest, dass man sich als eine Art “Auserwählter” fühlt und seine detektivischen Erkenntnisse gerne für das Allgemeinwohl teilen möchte. “Die Frau ist eine Hexe. Ihr Erfolg ist fauler Zauber und nun holt sie!”. Heute ist der Scheiterhaufen in Wortform und auf den Pinnwänden und in den Kommentaren unter den Texten und Statusmeldungen junger Frauen, Journalistinnen und Bloggerinnen.

Bei mir macht sich der Druck mit dem steigenden Erfolg bemerkbar. Erst schreibt man einen Artikel für ein Magazin, dann eine weiteren, dann eine Kolumne, dann einen der Texte, die normalerweise die Chefredakteure selbst übernehmen, das bleibt den Lesern natürlich nicht verborgen. Die Reaktionen fallen mit jeder Karrierestufe heftiger aus. Die Luft nach oben wird für Frauen immer dünner. Dennoch möchte ich die vielen Frauen, die diesen Artikel gerade lesen ermutigen: Dranbleiben und einen für Euch zufriedenstellenden Weg finden, das gesellschaftliche Echo, das aufgrund Eures Geschlechts auf Euch trifft, zu händeln. Die Leser reiben sich so oder so an Eurer Person auf, daher ist es notwendig diese Tatsache vorerst zu akzeptieren, und auch im Jahr 2013 sein Selbstbild vor der blinden Wut und dem fehlenden Weitblick der inhaltslosen Anfeindungen zu schützen.

“Hallo Intro, wart Ihr nicht mal kreativ? Man kann offenbar nicht bestreiten, dass die WD Sendung nicht gelungen war - aber warum lasst Ihr eine postpubertäre Göre etwas kommentieren was Ihre Zielgruppe um etwa 30 Jahre verfehlt?”

Das Internet ist dennoch und trotz allem ein schöner Ort, und da ich auch weiterhin daran glauben möchte, habe ich mich gegen Nutzerkommentare entschieden, um das Netz weiterhin als gut zu erfahren.

Danke für Euer Verständnis!

Zum Schluss möchte ich noch ein beleidigendes Gedicht von einem älteren “Kollegen” anhängen, das mich kürzlich per Mail erreichte und exemplarisch für die Hintergründe dieses Artikels stehen soll:

Im Görencontainer

Über Helene Hegemann und Ada Blitzkrieg

Das deutsche Blitzmädel ist wieder da. Hegemanns Helene, die sich an „Axoloti Roadkill“ Überfressen hatte und im Höllenkreis PI wie Plagiator/Innen ihr Gnadenbrötchen erhielt, Ward jüngst abgelöst von einer anderen Jungen Berliner Trash- Trutsche, Ada Blitzkrieg, Die sich dem quasselindustriellen Komplex Durch getextete Töpfer- und Batikware anzudienen Sich anschickt. Transgressionen des Ungeschicks. Im Rattenkäfig Berlin verfängt Überbietung Nicht mehr. Die gefickten Babys liegen Längst im Glaskasten aus Scherben. Die Manen Heiner Müllers und die Witwen Schlingensiefs scheißen auf ihre Kinder. „TEXTKRIEG“, „KRIEG OHNE SCHLACHT“, Tweets zum Mitsingen. Darf’s zum Aas ein Schlückchen Urinauslese sein? Oder bevorzugen Auch Sie den Käse aus Grind? Herr George? „Wie in der Bücher Buch spricht der Gesalbte An jeder wendewelt: ›Ich bin gekommen Des weibes werke aufzulösen.‹“ Ich bin so froh, dass keiner weiß, Dass ich homo sapiens heiߑ. Im Kanister, das Wutplasma; der Zünder Unter dem Lid, der ist nass.”

  • Ralf Frodermann