Textkrieg

Munition & Mädchenzöpfe

San Francisco Hipstercity und deutsche Vorurteile

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Der erste Absatz dreht sich wie in jedem schlechten Reisetext ausschließlich um den Flug und interessiert in der Regel auch wirklich niemanden, der nicht zufällig mit Vornamen "Mutter" heißt und sich gerade Sorgen um dich macht. Ich bin also geflogen, mit einem Flugzeug (nehme ich an), und angekommen in den USA. Ort: San Francisco. Laune: Drive-By-Lachen. Temperatur: Sommerlich.

Nun, ich bin also seit ein paar Tagen in diesem gigantischen und großartigen Amerika. Ich glaube heute ist der dritte Tag hier im Land der "unbegrenzten Möglichkeiten". Ihr kennt Amerika ja aus den Erzählungen vorurteilsbehafteter Deutscher:

- Amerikaner sind übergewichtig

- Amerikaner sind moralbefreit

- Amerikaner besitzen Waffen

- Amerikanisches Essen ist minderwertig

- Amerikanischer Kaffee ist schlecht

- Amerikaner sind unfreundlich, laut und unreflektiert

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Ach Deutschland, wieso fühlst Du Dich eigentlich gegenüber Amerikanern immer so hochwertig, europäisch und sowieso irgendwie kulturell überlegen? Möchtest Du etwas überspielen? Völkermord oder andere "kleinere" gesellschaftliche Defizite? Amerikafeindlicheit ist in Deutschland weit verbreitet und manchmal bloß etwas netter und schöner verpackt als die herkömmliche Fremdenfeindlichkeit, die sonst immer gleich ins Auge springt. Amerikafeindlichkeit ist in Deutschland akzeptiert. Wieso eigentlich? Ist das nicht irgendwie verkehrt?

Aber was wäre, wenn ich an einem Ort gelandet bin, an dem es eine lebhafte und akzeptierte Kultur der gemischten Lebensentwürfe geben würde? In dem die verschiedensten Menschen im gleichen Grocery-Store einkaufen und zusammen Taccos in der 24th Street verschlingen? Ganz schön tolerant und multikulturell hier. So kenne ich es aus Berlin nicht. Berlin, das Aushängeschild deutscher Toleranz. Liberales Berlin. Kreuzberg, wie "nett dieses Multikulturelle ist". Wie groß die Lügen manchmal sind.

Die Vorurteile gegenüber Amerika dienen dem eigenen Klötenschlecken und rückversichern einer nationalen Elite. Deutschland! Berlin! "Wie gut wir es doch in Deutschland haben. Da darf man sich nicht beschweren!" Blödsinn. San Francisco belehrt uns eines Besseren. Berlin, du kannst noch so viel lernen! 

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San Francisco, auch bekannt als Hipstermetropole, Kernpunkt der Homosexuellenbewegung und Flower Power Metropole. Aber was ist 2012 davon übrig geblieben? Überraschend viel. Eine bunte Gesellschaft, die einen nicht anstarrt, wenn man ungewaschen in Jogginghose im Trendcafé Brötchen holt. In der wir nicht auffallen. In der niemand auffällt. Die Menschen sind in der Tat toleranter als ich es aus Berlin gewohnt bin. Diese Stadt hat mich gleich begeistert. Ich liebe Berlin, aber ich liebe auch dieses Offenheit in San Francisco. Es ist hier ein wenig als wäre man in den Fernsehserien seiner Kindheit augestiegen. Dicke Karren, alte Karren. Palmen. Taccos und Burritos an jeder Ecke. Grocery Stores. Und kein einziger Supermarkt mit XXL Fettmachern. Die Leute sind hier gar nicht so fett, sondern ganz normal. Wir hingegen essen uns durch alle Burgerläden der Stadt, denn das Essen ist hochwertig und lecker hier. Wir trinken Bier auf dem Hausdach. Sitzen auf der Feuertreppe und im Dolores Park mit einem total irrsinnigen Blick auf die hügelige Stadt. Heute Morgen zog Nebel über die Berge. Nun heizen die Wolken mit 92987277298 km/h über uns. Dieses Glück fühlt sich richtig und gut an. Ich bin überall dort zuhause wo ich Glück spüren kann. Ohne Land. Ohne Nationalität. Da ist Heimat. Ich bin hier daheim. Diese Stadt mag mich.

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Und Berlin? Berlin könnte fast so cool und hip sein wie San Francisco, wäre da nicht ein kleiner Unterschied: Berliner sind grundlos arrogant. Aus unerklärlichen Gründen hat sich eine große Berlinarroganz entwickelt. "Ich komme aus Berlin, mir kann keiner was!" Beste Stadt der Welt! Überheblichkeit. Die Leute treten sich gegenseitig auf die Egos. Die Sonnenbrillen sind zu dunkel. Zu wenig Kommunikation. Die Bewohner oft zu sehr damit beschäftigt sich selber zu zelebrieren. Man kann sich im Unterschied dazu San Francisco als Szenestadt vorstellen, aber ohne Zelebration der Szene. Man kann die schönen Dinge also nutzen ohne sich deswegen ständig geil fühlen zu müssen, sich umzusehen und am laufenden Band darüber zu reden wie geil man ist. Das fühlt sich frei und richtig an. Das entspannt die Lage in der Stadt. Berlin krampft.

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Der Burger kostet 8 Dollar, kommt aber nicht aus der METRO Theke, dafür aber von einem geilen Rind, mit selbstgeschnittenen Potato Wedges und vielen scharfen Tabascosaucen. Der Salat ist frisch. Bier gibt es in großen Plastikbechern. Amerianisches Essen ist gut. Burritos. Was weiß ich. Taccos. Ich mag das alles. BBQ. Wir blicken auf die Stadt. Auf die Skyline. Auf Hänge mit Blechhütten und auf uns selbst. 

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Die nächsten Tage wird gearbeitet und die Stadt weiter erkundet. Am 16.September geht es dann mit dem Mietwagen los auf den Kalifornien-Trip.

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Der erste Eindruck: Gut den Berliner Coolnesskampf und die Vorurteile mal kurz verlassen zu haben. Amerika fühlt sich bisher gut an.

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