Textkrieg

Munition & Mädchenzöpfe

Im Test: Vietnamesischer Großmarkt

Manchmal muss man seinen Ängsten in die Augen blicken, nur um dann zu erkennen, dass man sich hätte noch mehr fürchten müssen.

Das Dong Xuan Center in Berlin Lichtenberg verkörpert so ziemlich alles wovor ich Angst habe: Künstliche Nägel und flockige Kokusnussmilch. Eigentlich wollte ich nur ein paar Taipioka-Perlen holen um daheim Bubble Tea zuzubereiten. Mit dem tiefergelegten Proletenauto fuhr ich durch halb Berlin um dann exakt acht Mal an der Strasse an diesem gigantischen Center vorbeizufahren, weil niemand es für nötig hält Schilder aufzustellen. Wofür auch das Gesundheitsamt unnötig aufmerksam machen?

 

 

Schön mit dem Auto an einer Bodenwelle hängengeblieben, stieg ich mutig aus dem Wagen aus. Trotz des heissen Sommertages trug ich einen langen Mantel, der meinen Körper vor gierigen Blicken und Spinnenbissen aus Importbananen schützen sollte. 

 

 

Station 1: Nagelpflege

Zwei Euro für einen Nagel. Ich sage erstmal gar nichts. Mir war das Prinzip der Nagelpflege bis zu diesem Moment gänzlich unbekannt. Mutig stürzte ich mich in die Hölle des Löwen. Die Damen konnte kein Wort Deutsch, schien aber zu verstehen, dass mein bis ins Nagelbett gesplitterter Nagel irgendwie uncool für mich sei und fing direkt an zu arbeiten. Fünf Minuten später hatte ich eine Art künstlichen Nagel auf meinem Nagel kleben, bei dem ich mich lieber nicht traute nachzufragen, ob er von einer Leiche stammt. Mein Nagelbett blutet. Die Frau hat einen Fehler gemacht, lief hektisch auf den Gang des Centers (Center ist ein Euphemismus für Betonbaracken) und guckte sich hektisch um. Niemand hatte sie gesehen. Sie musste nicht sterben, wegen fehlerhafter Dienstleistungen. Ich gebe ihr vier Euro und stecke mir drei vietamesische Lutscher ein.

 

Auf dem Weg zu den nächsten Baracken werde ich von einem Lieferwagen verfolgt. Im Schritttempo bahnt er sich seinen Weg hinter mir her - durch Schlachtabfälle und Berge von BELINDA Schuhkartons. Ich bin erleichtert als das Fenster runtergekurbelt wird und ein 60Jähriger Asiate mich nach meiner Handynummer fragt. Ich gebe sie gerne heraus und bitte um ein Date.

 

 

Station 2: Supermarkt

Im Asia-Supermarkt gibt es so ziemlich alles was man nicht haben möchte zu einem Preis, den man nicht bezahlen kann. Ich nehme alles mit, packe es in meinen Beutel und kaufe wieder diese Ingwer-Kaubonbons, von denen ich jedes Mal schlimme Mageschmerzen bekomme und esse die ganze Packung vor Aufregung, während ich durch die zahlreichen Designershops flaniere. Ich mag keine Rosen, ich mag keine bunten Farben, ich mag keine Tiere, ich mag kein Spielzeug, ich mag keine Chinaböller und ich mag kein fauliges Obst aus Zuckermasse. Wenn allerdings alle Punkte zusammen kommen mag ich das.

 

 

Station 3: Pärchen

Wer kauft im vietnamesischen Großhandel ein? Ausschliesslich Vietnamesen. Vereinzelte Deutsch-Vietamesische-Ehen mit einem Altersunterschied von mindestens 40 Jahren werfen bei mir einige Fragen auf. Hinzu kommt ein kleiner Anteil ostdeutscher Fashionopfer, die Hello Kitty und Flip Flops mit Deutschlandflaggen zur Show tragen. Ich wünsche mir, dass es irgendwann keine Nationen mehr gibt. Dennoch möchte ich nach Hause

 

 

Station 4: Tee-Bar

In der Tee-Bar versteht man mich nicht. Nachdem die Bedienung dann doch nickt und im hinteren Teil des Ladens verschwindet, bin ich zufrieden, denn ich fühle mich verstanden. Ich warte zwanzig langweilige Minuten, in denen ich meinen toten neuen Nagel anstarre. Nichts passiert. Ich will gerade denn Laden verlassen, als mich eine mir bisher unbekante Person in die Küche schiebt. "Mach selbst", sagt sie. Ich denke mir so, ja okay, wieso nicht und mische mir Fanta Exotic mit Milch, fülle Eis ein, bezahle einen Euro dafür und gehe hektisch zum Auto.

 

Ich versuche schnell die Ausfahrt zu nehmen. Der Wagen setzt auf. Ich rase davon und verschütte im Innenraum des Wagens 8l Litschisaft. Gut, dass diesen Sommer die Wespenpopulation in Berlin so groß wie nie zuvor ist.