Textkrieg

Munition & Mädchenzöpfe

INTRO Kolumne: Breaking Bad in Deutschland

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Könnten wir aufhören ständig rumzunölen und uns von den anstehenden Bundestagswahlen wieder auf das Wesentliche zurückbesinnen? Die lang herbeigefieberte zweite Hälfte der finalen Staffel von »Breaking Bad« hat gerade begonnen. Die glatzköpfigen Boys aus New Mexico laufen wieder: sonntags in den USA zur Hauptsendezeit und bei uns - natürlich illegal – oder schon wenige Jahre später auf ARTE. In der deutschen Synchronfassung natürlich, was nicht nur schrecklich unsexy, sondern auch irgendwie verkehrt ist. Warum aber ist das eigentlich so und wieso macht man sich Feinde wenn man Serien »nur im Original« guckt?

Liebe Freunde, jetzt bloß bis zur deutschen Ausstrahlung von »Breaking Bad« schön achtsam sein, um sich keinen Spoiler bei Twitter oder Facebook einzufangen! Und sowieso, läuft man nicht stets Gefahr die Handlung seiner Lieblingsserie vorab verraten zu bekommen, wenn man Freundschaften pflegt? Jeder ist dabei ein potenzieller Whistleblower! Walter White steigt also in der neuen Staffel von Crystal Meth auf die Herstellung einer Bio-Holunderlimonade um? Hank zeugt ein Mädchen mit Skyler und erzieht es vegan und feministisch? Marie verlässt Hank aus eigenen Stücken und erkennt ihren Selbstwert? Puh, nun ist die Spannung wohl komplett raus. Hätte man die Episode doch lieber mal zeitnah in Originalsprache gesehen. Ich sag’s ja! In »Homeland« würde die Protagonistin diese Misere prägnant mit »Fuck that shit!« zusammenfassen. In Deutsch klingt das allerdings nicht, denn in dieser Sprache gibt es einfach kein passendes Äquivalent zur Ausdrucksweise eines mexikanischen Kartellbosses, der nebenberuflich fettige Chickenteile in einem Drive-In mitten in der Wüste verkauft. Und wir müssen lernen dieses Tatsache auch zu akzeptieren!

Was wäre also, wenn »Breaking Bad« dem deutschen Kleingeist und der Forderung nach mehr Einfachheit noch weiter als ohnehin schon entgegenkommen würde und nicht nur in deutscher Synchronfassung produziert würde, sondern auch in Deutschland spielt? Crystal Meth in Oberfranken?

Walter Weiss, ein netter Chemielehrer in einer harmonischen Gesamtschule, erfährt, dass er schwer an Lungenkrebs erkrankt ist. Weil er aber sicher verbeamtet ist und in einem gut funktionierenden Sozialstaat lebt, in dem er sich aufgrund einer privaten Krankenversicherung keinerlei Gedanken um eine vortreffliche medizinische Versorgung machen muss, beschließt er eines Tages Crystal Meth herzustellen. Natürlich nicht aus finanziellen Gründen – er ist ja schließlich Beamter - sondern als zeitintensives Hobby, weil er sich in seinem Provinzleben oftmals tödlich langweilt. Das hängt zum einen mit dem TV-Programm und zum anderen mit seinem Status als Privatpatient zusammen, aufgrund dessen er im Krankenhaus und bei niedergelassenen Ärzten ohne nennenswerte Wartezeiten behandelt wird. Da bleibt viel Zeit zu füllen. Warum also kein schönes Hobby pflegen, denkt sich der Familienvater.

Jesse Pinkman, der Walters Partner im Drogengeschäft ist, heißt in der deutschen Fassung Jens Rossmann und kann mit den Einnahmen aus dem Meth-Geschäft neue Felgen und Chromaccessoires für seinen Golf III kaufen. Ab und zu bestellt er im Internet Gyrospizza mit 38cm Durchmesser beim Griechen oder ein Paar angesagte Sneaker in den USA, die er Markus Lanz nachkauft und für die er dann am oberfränkischen Zollamt vorsprechen muss. Seinen Jungs gefallen die Teile aber immer ganz gut. Das sagen sie zumindest beim Bong rauchen.

Walter kauft sich dann bei ebay-Kleinanzeigen, nach einem endlos langen Dialog mit einem Privatverkäufer, der partout den Preis nicht verhandeln will (»Wir sind doch hier nicht auf dem Basar!«) einen gemütlichen Wohnwagen der deutschen Traditionsmarke Dethleffs, den er irgendwo zwischen A9 und der tschechischen Grenze auf einer Brachfläche abstellt. Hier beginnt er die chemische Droge herzustellen.

Sein Sohn, der ebenfalls Walter heißt und eine körperliche Behinderung hat, besucht die Sonderschule der nächsten Kreisstadt, die eigentlich Förderschule heißt. Es gibt dort weder Perspektiven, noch Stellplätze für seinen mondänen Sportwagen.

Eines Nachts ruft Walter Weiss bei Domian an.
»Hallo ihr Lieben. Da sind wir wieder.« »Ja, hier ist Walter, ich stelle Crystal Meth hinter dem Rücken meiner Frau her und verkaufe tonnenweise davon an abgefuckte Kids und Gangster aus Eisenhüttenstadt.« »Hast du denn schon mal das Gespräch mit deiner Frau gesucht?« »Oh, nein, das ist wirklich eine gute Idee! Wäre ich nicht drauf gekommen. Dann hat sich ja alles geklärt. Danke Domian!«

Skyler, die mit Walter Weiss verheiratet ist, wird in dieser Fassung Sandra genannt und ist mit dem zweiten Kind schwanger. Das Pärchen steht vor der schweren Entscheidung Elterngeld zu beantragen. Wegen Menschen wie Kristina Schröder bleibt Walter dann doch daheim und kocht auch kein Meth mehr, weil die Erziehung des Kindes ihn gänzlich vereinnahmt. Das Wohnmobil wird familienfreundlich umgebaut. Alle scharfen Kanten werden abgeschliffen und die Messer in einer Schublade mit Kindersicherung aufbewahrt. Mit dem Dethleffs fährt die ganze Familie dann einige Tage an die Ostsee. Hier ist es sehr schön. Statt einem »Los Pollos Hermanos« gibt es dort das Restaurant »Wienerwald«, wo man noch weiß was man bekommt.

Eines Tages klopft es an das Dethleffs und die Stimme eines Polizeibeamten hallt durch den mitteleuropäischen Mischwald: »Haben sie eigentlich eine Umweltplakette?« Ein spannendes Serienfinale, oder?

Mehr Ada und meine monatliche Kolumne natürlich auf INTRO.