Textkrieg

Munition & Mädchenzöpfe

INTRO Kolumne: Dschungelcamp

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Wisst Ihr noch Big Brother? Zur Erinnerung: Das war dieses damals äußerst revolutionäre TV-Format aus dem fernen Ausland, das unsere Eltern ganz schrecklich fanden und in dem gut frisierte Menschen ohne nennenswerten Körperhaarwuchs für uns Sex unter Satinbettdecken mit chinesischen Schriftzeichen hatten. Ja, das alles fanden wir natürlich ganz schlimm doof und waren auch ziemlich genau null angegeilt von der eruptiven Libido der wie Tiere eingepferchten Teilnehmer, die sich in die schlecht ausgeleuchteten Blechräume des ranzigen Fischwerft-Containers ergoß. Selbstverständlich haben wir alle auf der Stelle empört umgeschaltet, als sich die junge, bis aufs Letzte durchtrainierten Körper mit ihren funktionstüchtigen Genitalien halb öffentlich aneinander rieben um im weiteren Fortlauf des Hergangs wie exotische Wildtiere ungebremst und fremdartig zu bumsen (wahlweise »den Geschlechtsakt zu vollziehen«). Was haben wir doch alle sofort mit großer Bestimmtheit den Fernseher ausgemacht und die Augen geschlossen. War doch so, oder? Aber einen Preis haben wir dafür nicht bekommen. Warum also der elendige Firlefanz? Hat sich der ganze Selbstbetrug am Ende etwa gar nicht gelohnt? Für niemanden?

Bei Unfällen gucken wir ja schließlich auch weg. Zumindest wenn uns jemand danach fragt oder wir davon ausgehen müssen, dass eine realistische Chance besteht durch eine andere Instanz beim Beobachten beobachtet zu werden. Wie eine Schlange, die sich selbst verzehrt. Wenn keiner zuguckt, starren wir weiter ungebremst drauf. Vollgas-Starren. Frontal-Starrer. Gaffertypen. Glotz-Fressen! So ist der Mensch! So sind wir! Am liebsten hätten wir noch einen Stuhl (natürlich möglichst gemütlich) und einen Kaffee (mit Sojamilch und braunem Zucker). Und am allerliebsten hätten wir auch eine einwandfreie Rechtfertigung für unseren Voyeurismus frei Haus geliefert, die im Kern eine andere Begründung als »Schadenfreude« oder »Angeilen« enthält. Gibt es aber nicht. Sorry! Und solange müssen wir eben lückenlos weiter lügen. Ich allerdings habe es satt. Ich gucke den Dreck! Meist sogar echt gerne.

In meiner Achtzehn-Zimmer Altbauwohnung in Kreuzberg bin ich in der Regel ziemlich alleine, fernab von jeder moralischen Instanz und bleibe derzeit beim »Durchzappen« eben etwas zu lange beim Dschungelcamp hängen. Dort beobachte ich dann genüsslich wie niemand die »Verletzten« aus dem »brennenden Autowrack« zieht, das sich RTL nennt.

Wir sind Sadisten und solange wir den Eindruck haben, dass nicht wirklich jemand zu Schaden kommt, geht das auch alles schwer in Ordnung für uns, finde ich. Könnten wir uns also bitte einfach auf folgende Punkte einigen:

Jeder einzelne von euch guckt jede Folge Dschungelcamp! Der Wendler ist ja eigentlich ein ganz netter Kerl! Der Wendler ist einer zum Pferde-Stehlen! Der Wendler sieht mit seinem Bart auf einer Skala von 1 bis 10 immerhin wie eine 6 aus! Larissa hat den gleichen kindlichen Charme wie Money Boy! Die Ex-Frau vom Drews soll mal was richtig brutal fieses wegfressen müssen! Der Wendler ist der neue Wendler!

Mehr Ada und meine monatliche Kolumne natürlich auf INTRO.