Textkrieg

Munition & Mädchenzöpfe

Lisa Rank, die Kloß-Im-Hals-Autorin

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Vor Menschen wie "Lisa Rank" habe ich eine große Ehrfurcht, denn sie scheint ihr Leben irgendwie mehr im Griff zu haben als die meisten anderen Menschen. Die erfolgreiche junge Autorin arbeitet nicht nur bei der bekannten Werbeagentur "TLGG" als Senior Creative, sondern nimmt sich auch gerne mal Urlaub, um Blumensträuße auf ihrem Tisch zu arrangieren, durch Berliner Cafés zu flanieren oder ganz nebenbei ihren neuen Roman "Bist du noch wach?" aus dem Boden einer schier unendlich scheinenden Quelle romantischer Phantasie und blühenden Worten zu formen. Warum ihr Buch einen dicken Kloß im Hals hinterlässt und wie es in ihrem Leben wirklich um die Perfektion steht, verrät die 28jährige mir im Interview:

Hallo Lisa. Deine Worte und die Sprache in deinem Roman klingen zeitlos schön. Jede Szene wird vor meinem inneren Auge sichtbar und ist bis in die kleinsten Details von dir liebevoll umschrieben. Man möchte danach greifen. Sind Details wichtig für dich?

Ich finde es anstrengend, wenn man sich immer nur von ganz großen Dingen begeistern lässt, es gibt viele Leute, die brauchen immer das ganz große Hurra oder das große Drama, damit etwas in ihnen bewegt wird. Ich glaube, dass das Leben besser ist, wenn man hier und da die Messlatten verschiebt. Das heißt nicht, dass ich durch die Straßen renne und bei jedem Gänseblümchen in hysterisches Seufzen verfalle und mit Herzchen in den Augen gegen Laternen laufe. Ich glaube nur, dass es gesund ist, sich hier und da um die kleinen Dinge, Ecken und Momente zu kümmern und diese auch zählen zu lassen.

Glaubst du, dass Details im Alltag auch einen Nachteil haben können?

Wer sich nur mit Fitzelchen beschäftigt, verliert irgendwann den Blick für’s große Ganze, das ist ja auch der Hauptfigur Rea in meinem Buch passiert. Generell glaube ich eh, dass nur das Eine oder nur das Andere bei den meisten Dingen zu einem Problem wird. Weil man den Abgleich mit der Realität und dem Außen vergisst. Und Abgleich ist wichtig, hinterfragen ist wichtig, Perspektive wechseln sowieso.

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Fühlst du dich im Chaos oder in der Ordnung wohler?

Ich kann das nicht so verallgemeinern, es gibt Bereiche in meinem Leben, da komme ich mit Chaos sehr gut zurecht, da brauche ich das auch, im Kreativen zum Beispiel, da sammle ich Gedanken und Ideen in losen Sammlungen, tausend Notizbüchern und Zetteln – in anderen Gegenden hab ich’s gern sortiert, im Umgang mit Menschen zum Beispiel. Ich kann gut mit Chaos, wenn offen zum Chaos gestanden wird. Sobald aber Ordnung vorgegeben, vorgetäuscht und applaudierend hochgehalten wird, obwohl dahinter der Teufel wütet, bekomme ich einen Knoten im Gehirn.

Hast du einen Lieblingsschlafanzug?

Ich habe eine Lieblingsjogginghose, sie ist grau und geht mit mir durch dick und dünn. Manchmal schlafe ich auch in ihr ein, sie trägt mich dann meistens ins Bett, ohne mich zu wecken. Sie ist eine von den Guten.

Gehörst du eigentlich einer Generation an?

Generation Jogginghose? Nein, im Ernst. Alle wollen immer einen Generationenbegriff, das ist so eine schöne Schublade, aber ich glaube nicht daran, weil so ein Zeitpunkt der Geburt zwar einen Rahmen setzt, aber nicht so einen engen, dass eine ganze Generation charakterlich hineinpasst. Mir sind diese Generationenbegriffe zu einfach, aber ich habe auch aufgehört, mich darüber aufzuregen. Wem’s hilft...

**Wenn man in Berlin wohnt, wird man von außen sehr schnell zugeordnet und etikettiert. Empfindest du das auch so und ist das ein Vor- oder ein Nachteil für eine Schriftstellerin?"

Auch das ist so eine Geschichte, über die ich nur den Kopf schütteln kann. Dieses Berlin-Label funktioniert genauso wenig wie das Generationen-Label, das ist nur ein Bild für die Suche nach mehr, glaube ich. Ich bin in Berlin-Mitte direkt neben der Mauer geboren und aufgewachsen, wo jetzt alles restauriert, renoviert und gepudert ist, dafür gibt es jetzt andere Gegenden, die den Grauputz übernommen haben – und hurra, das ist nichts Neues, das funktionierte in Berlin schon immer so. Die Kieze und Gegenden werden sich bis in die Ewigkeiten abklatschen, die Suche nach Stillstand und Unveränderlichem von allen, die sich darüber aufregen, ist in diesem Zusammenhang so paradox, weil das in Berlin nicht passieren wird.

**Dein Roman "Bist du noch wach?" handelt von einer jungen Frau, die als Kreative in Berlin lebt. Das klingt sehr nach einer Welt. Ist es für dich leichter zu schreiben, wenn sich die Lebenswelt der Hauptfigur mit deiner eigenen Lebenswelt deckt?"

Ich vermute, ja. Ich bin niemand, der sich die wildesten Lebensläufe ausdenkt, von denen er noch nie gehört hat. Das überlasse ich anderen, das können andere besser. Ich schreibe von Dingen, von denen ich zumindest den Hauch einer Ahnung zu haben meine. Reas Leben ist nicht 1:1 meins, aber eben ein Modell, das hier häufiger vorkommt.

Was sind die größten Überschneidungen zwischen Rea, der Hauptfigur, und dir?

Dass wir mit Abschieden nicht so gut sind. Und dass die Angst, nicht genügen zu können, vielleicht manchmal lauter ist als nötig. Was mich irre an ihr macht, ist, dass sie mit allem so lange wartet.

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Das Buch wirft einen entzaubernden Blick auf Freundschaften und deren Ende. Glaubst du, dass Egozentrismus ein Problem unserer Gesellschaft darstellt?

Findest du den Blick entzaubernd? Ich finde ihn eigentlich entspannend. Also wenn man weiß, dass Freundschaften nicht dem Superzwang der Ewigkeit unterliegen und es auch einen Weg geben kann, da gut rauszukommen. Ja, den gab es bei Rea und Konrad nicht, aber so was muss man ja auch erst einmal lernen. Und sich von diesem riesigen Ideal verabschieden, dass so was einfach da bleibt, auch wenn man sich nicht drum kümmert. In dem Sinne steht das Ego natürlich im Weg – und Egozentrismus war schon immer ein Problem unserer Gesellschaft, natürlich.

Was bedeutet Freundschaft für dich? Ist es möglich trotz eines nüchternen Blicks auf Freundschaft eine solche zu führen?

Ich finde meinen Blick gar nicht nüchtern sondern eher noch romantischer als das Bild, was ich vorher von Freundschaften hatte. Also bevor ich mich mit dem Thema in mir drin noch einmal verheiratet habe. Weil’s eben doch nicht so einfach ist: Ja hier Liebe, da Freundschaft. Und dieser scheiß Spruch „Die Liebe geht, die Freunde bleiben“. Die Freunde sollten auch gehen, wenn du dauerhaft scheiße zu ihnen bist. Man muss nicht alles aushalten und mitmachen. Man darf aber, wenn man sich darauf geeinigt hat. Und ich glaube, so ein gemeinsames Konzept von Erwartungen und „Wie können wir gut miteinander leben“ ist auch für Freundschaften ganz wichtig. So was entwickelt sich natürlich nur, wenn man ausprobiert und guckt, was geht miteinander und was geht nicht. Und ja ja ja! Freundschaften sind so was von möglich und wichtig und gut. Das habe ich nie in Frage gestellt. Nur diese Sicht, die viele begleitet und meint: „Freundschaften sind für immer, egal, was ist.“ Das ist nicht egal. Auch Freundschaften können sich verändern, vermischen, Freundschaften sind Liebe und deswegen manchmal auch genauso kompliziert. Und eben auch manchmal einfach unwiederbringlich vorbei.

Hast du einen Lieblingssatz in deinem Buch und verrätst du ihn uns?

„Die Panik schlägt sich mit einer Axt durch den Sand, bis sie trifft.“

Ist es gut in deinen Roman zu investieren und sich beim Lesen zu fühlen?

Meine Bücher machen einen auf unaufhaltsamen Staubsaugerroboter im Wohnzimmer deines emotionalen Haushalts. Wer da Bock drauf hat und keine Verfolgungsjagden oder zehn Witze auf einer Seite erwartet, könnte ganz gut bedient sein.

Verrätst du uns zum Schluss noch dein Lieblingskatzenvideo auf YouTube?

Es gibt eine Katze, die sich auf einem Staubsaugerroboter herumfahren lässt, damit kann ich mich sehr gut identifizieren.

Lisa Rank feiert am "18.04.2013 die Buchpremiere" von "Bist du noch wach?" du schon im "Kauf Dich Glücklich" in Berlin.