Textkrieg

Munition & Mädchenzöpfe

Neulich im Supermarkt

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Hinter mir am Kassenband steht Christine, die von Freunden in lockerer Runde auch gerne mal Tine genannt wird. Sie steht ziemlich nah dran an meiner ohnehin schon viel zu ängstlichen Person und ich spüre den Druck ihrer Gedankenpaste durch die schmalen Spalten meiner Herzschutzhülle quillen. Tine hat Zeit, denn sie ist Hausfrau und Mutter und eigentlich muss sie sehen wie sie ihren langen Tag gefüllt bekommt. Diese Zeit will sie aber Leuten wie mir nicht einfach so ohne Gegenleistung schenken, denn ich bin gesellschaftlich wertlos und kein “Macher”, sondern bloß eine 1,75m hohe Fettmuskelblockade, die sich mit ihrem Cerealienschrott und den drei Rucolapäckchen zwei Meter über das Kassenband aufgebahrt hat und wichtige Leute von noch wichtigeren Dingen abhält. Gesellschaft. Einen Sinn haben. Kinder kriegen zum Beispiel oder abgelaufene Medikamente entsorgen. Eine Familie ernähren. Kinder erziehen. Für unsere Rente sorgen. Deutschland unterstützen. Entschuldigung, Tine! Aber nur noch drei Mal Staubsaugen und dann kommt dein Manuel endlich aus dem Büro nach Hause und freut sich auf den ruhigen Feierabend mit dir. Brot mit Halbfettmagerine. Ein schönes Bier und du einen halbtrockenen Wein. Der darf auch mal was kosten. Das Glas gönnst du dir. Drei verschiedene Sorten Wurst. Aber die vom Kerner und morgen dafür aber Sport. Radieschen. Pfeffer. Ein schöner Käse. Von der Theke. In einem Behälter. Bei euch existiert eine Butterdose.

“Hast du schon wieder im Büro geraucht?” “Es war so ein stressiger Tag.” “Ja, hier auch.” Es muss blitzblank in der Wohnung sein und das nicht aus Langeweile, sondern aus dem Herzen. Das Laminat ist in moderner Holzoptik. Täuschend echt und viel funktionaler. Das bekommt man mit einem Wisch sauber. Ausserdem spielen die Kinder doch auf dem Boden. Die mittelmäßig vielen Gegenstände in den Regalen, die Leonardo Gläser und die Hochzeitsfotos sind gerade noch persönlich genug um nicht unpersönlich zu sein. Aber unpersönlich genug um keinen Fetisch haben zu können oder bei wem auch immer mit was auch immer anzuecken. Nicht aufdringlich. Das sind sie nicht. Man möchte sich mitteilen. Schaut, unsere Familie kommuniziert! Wir benutzen auch Internet. Unsere Hochzeit. Meine Facebookseite. Das ist die von Tine. Die Kinder. Unsere Urlaubsfotos. Meine Frau putzt gut. Wir haben ein gutes Leben. Aber auch nicht zu gut. Niemand soll das denken. Es wird hart gearbeitet und es wird ordentlich geputzt und es wird sich informiert. Die Nachrichten sind mal wieder schrecklich. Um 20:15 wird umgeschaltet. Die Kinder ins Bett bringen und dann abschalten. Tisch für den nächsten Tag decken. Wecker stellen. Solche Leute schaffen es sogar mit der Knopfleiste nach unten einzuschlafen.

Ich bin für Tine hingegen nur die unglaublich langsame Frau, die für das Auflegen der Waren am Kassenband kein System hat. Systemlos. Unorganisiert. Organisation ist die halbe Miete. Die andere Hälfte ist Planung. Ihr Mann interessiert sich nicht für solche wie mich. Was will man denn auch mit mir? Entweder bin ich zu blöd alles nach ihren Regeln - nach den globalen Regeln des Warenauflegens - zu machen oder ich mache es bewusst nicht. Tine kann sich nicht entscheiden was sie verwerflicher finden soll und entscheidet sich für meine Person. Der Körper drängt weiter Richtung Ausgang. Am liebsten würde sie mich in der Schlange schon mal überholen. Entschuldigung, könnte ich zuerst bezahlen. Verdient. Solche Leute haben sich immer so viel verdient. Was du dir alles verdient hast, Tine! Tine würde nie danach verlangen und wenn sie Lob oder Anerkennung bekommt, würde sie den Verdienst ablehnen. Abwinken. “Ach, das mache ich doch gerne!” Sie fühlt sich gut dabei. Aber sie will es spüren. Nützlich bist du, Tine! Einer muss es ihr ja mal sagen. Vielleicht so ein dummes Arschloch wie ich? Ich lege ja immer noch Lebensmittel auf das Gummiband. Ist das denn wahr? Immer noch. Sie ist hinter mir und braucht für die dreifache Menge an Waren nur ein Drittel meines Platzes und ist in der halben Zeit fertig. Ich lege immer noch nicht enden wollende Mengen Butterklötze auf das Kassenband. Bremsklotz des Lebens. Ich halte sie darin auf perfekt zu sein. Ihr Körper drängt immer weiter in Richtung des Ausgangs zu ihrem blöden Kastenwagen und dem Kofferraum mit der Blumenerde. Wenn sich zwei Tines treffen, reden sie nur über ihre Beschäftigtkeit und die der anderen. Beschäftigt sein. Ohne mich hättest du gar keinen Haken an dem du deine Geschäftigkeit voran treiben könntest, Tine! Tine ist “eine Frau, die kann”. Es ist eine Kunst die Waren auf das Kassenband zu legen, dass es so aussieht als kostet es zwar keine Mühe, denn Beeilen ist ja auch verkehrt, aber dass man immer merkt, dass für die anderen mitgedacht wird. Tine ist eine Künstlerin. Wir sind alle wichtig. Niemanden aufhalten. Geben und Nehmen. Und das erwartet sie von den anderen auch. Auch wenn sie das nicht durchblicken lassen würde, nur ihr Körper. Dieser verinnerlichte Kassenknigge ist natürlich jahrelang angewachsen. Jeder hat mal klein angefangen. Aber Warenauflegen ist ja bekanntlich Krieg und da darf man keine Schwäche zeigen. So jemand wie ich kann für die Selbstbestätigung gerne mal geopfert werden. Immer das Gleiche. Jeden Tag einkaufen gehen und dann die Leute mit dem drängelnden Körper anpampen. Ich lehne den Supermarkt ab. Ein Mal in der Woche einkaufen ist das Maximum das ich mir aus meinem ausgenörgelten Energiereserven entlocken kann. Den Wagen bis oben vollpacken und nichts vergessen. Bloß nicht nochmal los müssen in diese Hölle zu Tine und zu Dieter. Der steht vor mir. Bei Tine ist das nicht so. Die steht hinter mit. Soll ich doch ruhig wissen wie scheiße mein Leben ist. Dass ich es auch nach Jahren des unregelmäßig Einkaufens, nach Jahren mit Umzügen, Trennungen, Depressionen, Manien und Niederschlägen nicht schaffe in dem Supermarkt, den ich erst seit einigen Tage neu besuche eine Routine aufgebaut zu haben ist natürlich sehr zu verachten. Aber die schafft immer alles. Die bewältigt ihren Haushalt und ihr Mann dankt es ihr. Ich versuche zu arbeiten und zu überleben und schaffe nichts von beiden. Es sollte eine extra Kasse für Menschen wie mich geben. Du bist besser und an der Kasse darfst du das ausnahmsweise auch mal spüren, Tine!

Der Dieter schiebt seine vier Produkte ganz eng zusammen. Freiräume dürfen unter keinen Umständen entstehen. Nicht gestört werden und niemanden stören. Schnell sein. Rein. Raus. Niemanden aufhalten. Tüten aufschütteln. Keinen Fehler machen. Nur raus. Nur nach Hause. Gelobt werden. Ducken. Sogar im Supermarkt.

“Hast du alles mitgebracht?” “Ja.” “Danke!” Damit kann er eine Woche leben. Er hat etwas richtig gemacht. Wenn er etwas richtig macht, dann fühlt sich das gut an. Wenn er seine Einkäufe nur akurat genug hinlegt wird ihm schon nichts passieren. Mit System. Vier Waren. Er kauft auch nur den Rest ein, den seine Frau vergessen hat. Sybille arbeitet auch Vollzeit, bekommt aber trotzdem die Familie und das Geschäft unter einen Hut. Sybille. Von Sybille gelobt werden. Sybille glücklich machen. Nur die vier “Kleinigkeiten” soll er noch mitbringen. Sie hat die Liste in Druckbuchstaben geschrieben damit Dieter kein Fehler unterläuft. Sie will, dass Dieter auch Erfolg hat und sie beide später Erfolg haben, weil alle Zutaten für das Abendessen vorhanden sind. Sie arbeitet für ihren Erfolg und für den der anderen. Für das gemeinsame Glück. Mit System. Das Glück darf nicht brüchig werden. Wenn erst eine Ritze entsteht ist diese für immer unfüllbar. System schützt. Wir handeln. Dieter wird heute kein Fehler unterlaufen. Das ist ihm schon zu oft passiert. Nie wieder. Was für ein Tag! Erst die beiden schweren Sachen auf das Band. Dann die leichten Lebensmittel. Erst die schweren Produkte in die Tüte einpacken und dann die leichten. Die Tüte hält er griffbereit. Sie wird heute nicht reissen. Das Geld ist abgezählt. Er stiehlt niemandem die Zeit. Er ist vorbereitet. Er macht alles richtig. Glück.

Ein Kind schreit im Kassenbereich. Nein, nein, nein, seine Kinder mit zum Einkaufen zu nehmen und dann ihr Geschreie nicht einstellen können. Die Eltern sind Versager. Wenn die Eltern gucken - zaghaft lächeln. Ach ja, man will nicht konfrontieren. Tine und Dieter. Und man darf ja auch sowas nicht denken. Und über Kinder schon gar nicht. Die Eltern sind der Fehler. Die Kinder sind unschuldig. Aber das Schreien nervt. Als wenn es direkt aus den Mündern der Eltern dringen würde. Kinder sind doch nur ein Sprachrohr. Da muss man viel früher ansetzen. Deutschland ist ja gar nicht so. Tine und Dieter lieben Familie. Die Erziehung muss eben stimmen. Schreiende Kinder im Supermarkt. Das muss nicht sein. Kinder alleine Zuhause lassen und dann Einkaufen gehen. Womöglich noch Zigaretten. Wer macht denn sowas? Eine Nanny? Zu unpersönlich. Sein Kind früh in die Kita geben? Das ist so gemein. Die werden doch schon immer mit drei Jahren in den Kindergarten gepackt und dann mit Sieben in die Schule. Und dann haben sie mit 17 mittlere Reife und können den Familienbetrieb übernehmen oder eben etwas rebellieren und vielleicht lange Haare haben und eine Band gründen und dann ihr Examen machen und Biolehrer werden. Rebellion ist erwünscht und bringt unser Land voran. Tine und Dieter. Die jungen Leute mit ihrer Energie. Die bereichern unsere Gesellschaft. Immer im Rahmen bleiben. Lächeln. Kind ignorieren. Sowas würde einem ja selber niemals passieren. In Deutschland haben wir das beste Brot.

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