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Silenttiffy, ihr Roman, and the Masters of Aussiedlerfashion

Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, Alexandra Tobor, besser bekannt als Silenttiffy, rotzt in den nächsten Tagen ein rauchgelbes Buch wie eine ordentliche Portion Schnupftabak mit Asbestfasern auf den Markt. Die schlechte Nachricht ist, Ihr müsst Euch noch ein paar Tage gedulden, denn ich hatte den Roman exklusiv als Gegenleistung für körperliche Liebesdienste zugespielt bekommen und möchte Euch in diesem Beitrag für eine Ostblock-Experience in sprachlicher Vollendung anwerben.

Worum geht es im Buch: Osteuropäischer Klanz, duftende Frauenklatzen und ALDI Klamauk - “Sitzen vier Polen im Auto”, so der Titel des Romans, der zunächst Angst macht und wie einer diese Romane klingt, in denen sich endlos Klischee an Klischee reiht und der Normalbürger ständig seinen langweiligen “Stimmt!” Effekt erleben darf. Diese Bücher haben dann meist nichts mit einer liebevollen und humoristisch hochwertigen Auseinandersetzung mit Vorurteilen zu tun, sondern nutzen Klischees und Skepsis gegenüber allem Fremden als platten Aufmerksamkeitsfänger für einer Mitte-Rechts-Leserschaft. Dieses Buch ist grundlegend anders und wunderschön. Die Herangehensweise ist zarghaft, feingeistig und erzählt berechtigterweise eine Perspektive, die man so nicht kennt. Alexandra Tobor informiert, führt ein, lässt den Leser zwischen riesigen Haarschleifen, grauen Kommunionskleidern und Kisiel weinen, schmunzeln und laut lachen.

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Die Autorin, bekennende und schwadronierende Spätaussiedlerin mit bleichem Teint und einem erstklassigen Gespür für literarische Figuren, erzählt über eine polnische Auswanderer-Geschichte, die ihre eigene sein könnte, es aber nicht ist. Bewusst macht sie sich von autobiographischen Elementen frei, doch möchte diese auch nicht gänzlich ausschließen.

Irgendwie findet man sich wieder, wenn die rührende Geschichte eines Aussiedlermädchens erzählt wird. Selbstironie, Fremdironie und eine Menge Liebe für die unzähligen kleinen Details zeichnen dieses Buch aus. Die hohen Erwartungen der Aussiedlerkinder und ihrer Eltern, die unzähligen Enttäuschungen, die Scham der Eltern über die Rückschläge in der neuen Heimat in ihrem Heimatland zu berichten, das Aufrechterhalten der äußeren Form, die Intoleranz der Deutschen und die tollen Kleider und Häuser der deutschen Kinder. Neid und Anerkennung. Optimismus und Pessimismus.

Die ersten Kapitel könnt Ihr als Hörbuch hören:

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Die passenden Impressionen zum Buch und Hörspiel liefert die Autorin dann mit ihrem herzergreifenden Spätaussiedlerfashionblog, den sie jüngst selbst auf ihrem Blog veröffentlichte.

Beim Lesen ist mir zu jedem Zeitpunkt bewusst, dass ich in meiner eigenen Schulzeit eines der anderen Kinder war, denen das alles ziemlich egal war. Ich wusste nicht einmal, dass die vier Spätaussiedler in meiner Grundschulklasse vielleicht Zeit in Flüchtlings- oder Aussiedlerlagern verbracht haben könnten, geschweige denn wo sie wohnen. Ich machte mir wenig Gedanken um alles was nicht ich war oder keinen Lacoste-Pullover trug. Was sie wohl zurückgelassen hatten und was sie erwarten? Ich machte mir damals keine tiefergreifenden Gedanken. Ich dachte bloß, die wären irgendwie uncool. Aus der Coolheit, aus dem Sinn.

Ich kenne das Gefühl nicht, wenn das Jugendzimmer von OTTO geliefert wird, und man nicht weiß, wer dieser Typ überhaupt ist. Wenn alle Teile des Mobilars zusammenhängen und aus Furnierholz im konsensfähigen Buche-Look bestehen. Wenn sich in der neuen Heimat plötzlich die Türen vom Supermarkt automatisch öffnen und magisch erscheinen. Für mich keine Zauberrei, sondern Technik, mit der ich aufwuchs. Ich sammelte keine Obstaufkleber, denn meine Eltern kauften mir 3D-Aufkleber mit Dinosaurieren und flauschige Katzenabziehbildchen. Wir besaßen keinen “Aussiedlersarg”, in dem die wenigen Kostbarkeiten aufgebahrt wurden, die wir besaßen, wir hatten ja einen Keller und eine Bibliothek mit Regalen und einen Speicher und einen Vorratsraum und Kommoden, Kisten, Stauraum unter Betten. Wir hatten jeder unser eigenes Kinderzimmer. In den dunklen Schrankwänden der Aussiedler präsentierten sich also abgegriffene Bibeln und Bilder der ersten Kommunion. Spannend!

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Der erste Schultag in Deutschland:

“Ich beschloss, dass ich für den Anfang meine roten Eichhörnchen-Schuhe tragen würde. Sie waren ‘Made in China’, was in Polen der Inbegriff von extravagantem Chic und weltlicher Eleganz war. […] Obwohl ich nicht verstand, was sie zueinander sagten, wusste ich, dass ihr Getuschel etwas mit mir zu tun haben musste. Erst jetzt fiel mir auf, wie anders ich aussah mit der großen steifen Schleife auf dem Kopf und den tristen Farben meines Pullovers. […] Auf den letzten Metern zum Klassenraum starrte ich befangen auf meine Eichhörnchen-Schuhe, deren leuchtendes Rot innerhalb von Minuten verblasst war.”

Fotos gibts hier.

Buch hier.

Silenttiffy im Blogformat 90:4.

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Published 4 Jun 2012